Mensch: Theater! - Theaterpädagogik mit Biss - Theaterprojekte und Produktionen für den deutschsprachigen Raum

Engagement für persönliche & gesellschaftliche Entwicklung, mehr Zivilcourage, Vielfalt und Akzeptanz - gegen Gewalt, Extremismus, Intoleranz

Neues aus Kamerun: Oktober 2016 - Casting mit Show


Seit gut 6 Wochen bin ich da. Im Westen Kameruns. Wo alles grün ist und die ungeteerten Straßen saftig rot.

Und schon ist Casting-Time. Die meisten Mitglieder der bisher bestehenden Theatergruppe "Troupe (théâtrale) d'Intervention Mobile", liebevoll TIM genannt, haben gerade ihr Abi bestanden und ziehen nun in andere Städte um zu studieren.

Um zu mobilisieren fahren wir mehrfach bei den umliegenden Schulen vorbei - zuerst, um die Namen der Schulleiter*innen zu erfahren, dann um einen personalisierten Brief abzugeben, dann, um nochmal daran zu erinnern, dass wir pünktlich anfangen werden. Um 14 Uhr soll es losgehen. Um 12:30 kommen schon über 20 Theaterbegeisterte, um die sich mein Kollege Giles (mittleres Bild) kümmert. Währenddessen treffen meine Chefin Pélagie und ich (linkes Bild) noch letzte Absprachen.


Noch in ihren Schuluniformen...



Pélagie begrüßt unsere Gäste und erklärt das Konzept von CIPCRE, der Nichtregierungsorganisation, bei der wir arbeiten. Den Einsatz für Welt, Mensch und Natur. 
Im Falle der Theatergruppe TIM liegt der Schwerpunkt auf Friedensarbeit und Konfliktbearbeitung.

Dann geht's aber los. Wir teilen die 70 Casting-Teilnehmende in 3 Gruppen auf. Und: Die Schow möge beginnen.

Es wird getanzt, in Paaren und einzeln improvisiert. Gemeinsam werden Szenen und sogar improvisierte Lieder über einen Konflikt entwickelt.


mein Bein tut weh...

Gar nicht einfach, sich bei den ganzen Talenten zu entscheiden.

Neben schauspielerischem Talent, Motivation und den Fähigkeiten in der Gruppe zu arbeiten, zählen Kriterien die der diversen Gruppenzusammensetzung dienen: Geschlecht (wir wollen eine gemischte Gruppe - hier stehen interessanterweise eher die Jungs auf der Bühne) und Religionszugehörigkeit spielen eine Rolle - denn auch hier soll gemixt werden. Schließlich ist es unser Ziel Konflikte hautnah zu bearbeiten, negative Einstellungen gegenüber Angehörigen gewisser Gruppen, zum Beispiel Muslimen, zu reduzieren und die Zusammenarbeit, vielmehr das Zusammenspiel zu fördern.



Hier: mein Kollege Alex und Pélagie als Jury, während ich die nächste Aufgabe anleite.

Nach vier Stunden sind wir am Ende unseres Casting-Marathons angelangt.
Am liebsten würde ich alle nehmen!


Foto de famille - heißt hier das Gruppenfoto


Ich habe zwar wieder meine kompletten Französisch-Künste verlernt und stammele meine letzten Anleitungen nur so vor mich hin - aber viele tolle Jugendliche kennen gelernt.

Da kann man ja nur im höchst positiven Sinne durchdrehen!


Alexandra und Alex


Theater für den Frieden in Kamerun?!


Jetzt geht's los, jetzt geht's los... Oder zumindest gleich: Alexandra Will (das bin übrigens ich), der neue Mensch: Theater!-Satellit startet in 4 Tagen - und wird um 16.40 Uhr in Duala/Kamerun/West-Afrika landen. Um dort in einem Projekt zu arbeiten, das den verheißungsvollen Namen "Theater für den Frieden" trägt.

"Kamerun - wo war das nochmal?", wurde ich in den letzten Monaten 100e Male gefragt.

Na, wenn man sich die "linke" Seite von Afrika wie eine Achsel vorstellt, dann genau in der Achselhöhle, dort, wo es am kitzeligsten ist. Mal sehen, wer zuerst lacht.

Ins Flugzeug gesetzt, also "vermittelt", werde ich von Brot für die Welt. Begrüßt werde ich vor Ort von meinem zukünftigen Chef von CIPCRE - Cercle International pour la Promotion de la Création, dem Internationalen Verein für die Förderung der Schöpfung. CIPCRE ist eine kamerunischen NGO (Non Governmental Organisation, Nichtregierungsorganistaion) mit Hauptsitz in Bafoussam, wo ich ab Montag wohnen werde.

"Und wie lange gehst du nochmal? Sechs Monate?"

Nein, drei Jahre.

"Drei Jahre???"

Ja, die sogenannten "Entwicklungshelfer"-Verträge für berufserfahrene Fachkräfte gehen über diesen Zeitraum: Drei Jahre.

"Das ist mutig."

Schluck. Echt jetzt? Wenn du mich nicht daran erinnert hättest, dann hätte ich es fast schon vergessen. Dann käme es mir beinahe normal vor - umgeben von den ganzen Ausreisewilligen, die ich in meiner Vorbereitungszeit in den letzten vier Monaten kennen gelernt habe. Da bin ich mit Kamerun ein Gänseblümchen! Andere sind schon seit mehreren Jahrzehnten in den diversesten Krisenregionen der Welt unterwegs, erzählen lapidar Geschichten von Bombeneinschlägen direkt vor ihrer Nase, Würmern unter der Haut oder wahlweise im Augapfel, einsamen Abenden, gegessenen Hunden und fehlgeschlagenen Projekten.

So abgebrüht fühle ich mich nicht. Noch nicht. Wer weiß, wie das in drei Jahren ist, falls ich braun gebrannt und mit langem Bart zurückkomme.

Als Mensch: Theater!-Theaterpädagogin glaube ich trotzdem, bald genau am richtigen Ort zu sein.

"Theaterpädagogische Arbeit bewirkt ein Spannungsfeld zwischen Sein und Sein können" heißt es ja in unseren Leitsätzen.

In genau diesem Spannungsfeld werde ich auch landen.

Das Sein wird beschrieben als relativ stabil - im Gegensatz zu den angrenzenden Krisenregionen Kongo, Nigeria, Zentralafrikanische Republik. Gänseblümchen eben einerseits. Gleichzeitig soll die Gesellschaft in viele Gruppen zersplittert sein, wodurch sich Konflikte häufen, so das GIGA-Institut in Hamburg in seiner Politökonomischen Kurzanalye. Konflikte bestehen zwischen Jungen (50 % der Bevölkerung sind unter 18) und Alten, zwischen Angehörigen verschiedener Religionen, zwischen verschiedenen Berufsgruppen wie Ackerbauer*innen und Viehzüchter*innen, die das gleiche Land nutzen wollen.

Und damit auch zum "Sein Können": Meine Aufgabe heißt Konfliktprävention und -bearbeitung. Und im Sinne von "Train the trainer" soll ich meine neuen Kolleg*innen vor Ort in (Theater-)Methoden zur Konfliktbearbeitung und -prävention schulen. Dabei werde ich im Team zusammen mit lokalen Mitarbeiter*innen in der Abteilung "Konfliktprävention und Frieden" arbeiten, wobei die Kolleg*innen Expert*innen für die Konflikte und den Bereich Frieden sind und ich die Theatermethoden beisteuern soll. Das Ziel besteht darin, Konflikte und Lösungsansätze spielerisch auszuprobieren und zu diskutieren - und passt damit wunderbar zu unserem Mensch: Theater!-Ansatz: "Wir finden gemeinsam neue Gestaltungsmöglichkeiten im Spiel, die sich positiv auf das eigene Leben auswirken können". Das Sein Können ist dann eine friedliche Art die eigenen Bedürfnisse auszudrücken und zu vertreten und gemeinsame Lösungen zu finden. Für ein "Afrique de l’Espoir", ein "Afrika der Hoffnung", wie es in der Selbstbeschreibung meines Arbeitgebers CIPCRE heißt. Im Spiel. Und hoffentlich auch im Leben, das vielleicht nicht immer Spiel ist.

So wie meine momentane Aufregung. Also dagegen ist Lampenfieber ein Witz. Ich hab Reise-Fieber. Kamerun-Fieber. Theater-für-den-Frieden-Fieber.

Mein Schauspiellehrer hat immer gesagt: Das Lampenfieber ist Energie. Wie kleine Pferdchen. Die dich tragen.

Noch  - ich habe es gerade ausgerechnet - 95 Stunden, dann sitze ich im Flugzeug, kaue 10 mal pro Sekunde auf mein armes Kaugummi ein und ...?

Und?

Was passiert ist, wenn ich angekommen bin, werde ich euch hier, in unserem neuen Mensch: Theater! - Kamerun-Blog schreiben.

Bitte schreibt, wenn ihr gute Wünsche, Umarmungen, Fragen oder toitoitoi Spucke habt! (Ab Montag, wenn ich angekommen bin, auch, wenn ihr Kritik und Zweifel habt! :-))

Pferchen seid ihr da? Ja. Atmen. Pferdchen spüren. Ja! Juhu! Kamerun? Go!

 

Quellen:

CIPCRE (n.d.): Qui sommes-nous? Bafoussam, Kamerun. Abgerufen am 17.08.2016 unter http://www.cipcre.org/index.php?option=com_content&view=article&id=47&Itemid=54&lang=fr

Giga Institut Hamburg (2015): Politikökonomische Kurzanalysen. Hamburg. (Anmerkung: Diese Kurzanalysen zu den Konflikten weltweit seien auch so geheim, dass wir sie nur lesen dürften, nicht kopieren.)

Mensch: Theater! (2016): Mensch: Theater! Leitstätze. Sinzheim, Deutschland. Abgerufen am 17.08.2016 unter http://mensch-theater.de/index.php?article_id=74&clang=0



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